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KARRIERE IN KANADA

REITER REVUE 2/97 Karsten Krüger

Jochen Schleese: Deutscher Sattlermeister – mit 34 Jahren

Der amerikanische Traum – für Jochen Schleese ist er wahr. Zwar wurde nicht gerade aus einem Tellerwäscher ein Millionär, aber zumindest aus einem jungen deutschen Sattlermeister der „Geschäftsmann des Jahres“ im kanadischen Stouffville. Lesen Sie bitte in Reiter Revue, wie es dazu kam.

Wenn kanadische Pferdesportler mit ihren lädierten Sätteln im Gepäck den „Schleese Saddlery Service“ in Stouffville (Ontario) – 35 Kilometer nordöstlich von der Dreimillionen Metropole Toronto – anfahren, haben sie nur in Ausnahmefällen das Glück, vom Chef und Sattlermeister persönlich bedient zu werden. Denn der Arbeitsplatz des Jochen Schleese befindet sich immer seltener in seiner Werkstatt, dafür immer öfter im Flugzeug, auf Reitsportmessen oder bei einem seiner weit entfernten Kunden. Meist ist der 34jährige deutsche Handwerksmeister als Handlungsreisender quer durch Nordamerika unterwegs, um für seine Idee von den gröβtenteils selbst entworfenen Maβsätteln zu werben, sie zu präsentieren und zu verkaufen.

Sein Betriebhat den Umsatz von 60.000 im Jahr 1986 auf nun 2,51 Millionen Mark erhöht – Tendenz steigend. Die lokale Handwerkskammer erklärte Schlesees Sattlerei zur Firma des Jahres 19942 und präsentierte ihn in diesem Jahr zum Geschäftsmann des Jahres. Dies erfuhr auch das renommierte New Yorker „Wall Street Journal“ und berichtete auf „Seite Eins“.

Ehefrau Sabine ist vom Verkaufstalent ihres Mannes überzeugt. Die deutschstämmige Kanadierin leitet die gemeinsame Holding Company als Geschäftsführerin. Sorgen machen ihr nur der groβe Ehrgeiz ihres Mannes und sein immenses Arbeitspensum: „Er ist ständig auf Achse.“

Ehrgeiz und Fleiβ zeichneten den früheren Vielseitigkeitsreiter Jochen Schleese schon immer aus. Als jüngster Sattler Deutschlands bestand er vor elf Jahren die Meisterprüfung, ging dann nach England, um bei der königlichen Sattlerei Cliff Barnsby weitere Erfahrungen zu sammeln. Dann die groβe Chance: Bei den Welt-Meisterschaften der Dressurreuter in Cedar Valley/Kanada war noch die Stelle des offiziellen Sattlers vakant und Jochen Schleese wurde ernannt. Er nutzte die WM für persönsiche Kontakte und war sich nach einer Marktanalyse sicher, hier eine Lücke füllen zu können: „In der Region York sind 80 Prozent der kanadischen Pferde zu Hause. Der Beruf des Sattlers war vielen Kanadiern unbekannt. Wenn ein Sattel nicht mehr ideal zum Pferd paβte, wurde er häufig gewechselt oder sogar weggeschmissen, aber fast nie repariert.“

Jochen und Sabine Schleese brachen die Zelte in Deutschland ab, wagten den Neubeginn: „Hier zählt Biβ und Talent. Dann kann Kanada für Auswanderer wie uns zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden.“ Mit der Starthilfe von Hans und Eva Maria Pracht3 (Tochter von Josef Neckermann) eröffnetendie Schleeses vor zehn4 Jaren auf dem Weltmeisterschaftsgelände ihre erste Sattlerei. Seitdem ist ihr Betrieb staendig gewachsen5.

Nachdem das Werkstatt-Terrain in Cedar Valley zu klein geworden war, zog der Betrieb (mit derzeit 18
Mitarbeitern) auf das 650-Quadratmeter-Gelände eines ehemaligen Ledergroβhandels in Stouffville um. Dort is auch Platz für die 1994 gegründete Verkaufs- und Versandfirma „Caparison“, in der auch Pferdezubehör, Schmuck und Kleidung angeboten werden.6

Die Sattlerei ist mit Aufträgen bis weit ins nächste Jahr zugedeckt, obwohl die Sättel mit bis zu 4500 kanadischen Dollar (etwa 4600 Mark)7 eher in der oberen Preiskategorie liegen. „Qualität ist wichtiger als Quantität“, so Schleeses Firmen-Philosophie. Um diese Qualität zu gewährleisten, nutzt Schleese eine moderne Produktionsmethode für die Maβanfertigungen: „Unsere Kunden setzen sich in Reitposition auf eine Gipsunterlage. Nach dieser Vorlage fertigen wir dann einen Sattel, der wie angegossen zu Pferd und Reiter paβt. Das Wohlbefinden und die Gesundheit des Pferdes sind dabei oberstes Gebot.“

Die neueste Kreation, der „Udo Lange-Dressursattel“8, benannt nach dem mehrfach Deutschen Dressurmeister der Berufreiter, soll demnächst auf den japanischen Markt gebracht werden. Auch in einigen deutschen Reitsportgeschäften (bei Hackenbroch in Köln und Dohm in Tensfeld/Schleswig-Holstein z.B.) ist der Sattel bereits zu haben.

Neben den „normalen“ Sattlertätigkeiten wollen die Schleeses in Kanda auch den Lehrberuf „Sattler“ voranbringen. Durch intensive Schulung erlangte der Kanadier John Banbury das handkwerkliche Können, um jetzt in der Zweitfiliale in Buffalo das US-Geschäft für den „Schleese Saddlery Service“ anzukurbeln.9 Bei so groβer angepeilter und erreichter Expansion haben die Schleeses mittelfristig andere Ziele. Sie wollen in Zukunft verstärkt und flächendeckend als Groβhändler fungieren, so die vorausdenkende Managerin Sabine Schleese.10

Ein wichtiges Mitglied im Team ist neben dem Produktionsmanager Kevin Lote aus England der deutsche Sattler Kai Krüger (31).11 As Krüger 1995 seinen Freund – die beiden kennen sich seit dem Besuch der Meister-schule in Hannover – in Kanada besuchte, wollte der dringend nach Fachkräften suchende Firmeninhaber ihn garnicht wieder abreisen lassen. Er brachte Krüger dazu, seinen Arbeitsplatz nach Übersee zu verlegen. Und so gibt’s nun schon zwei deutsche Sattler12, die die Kanadier richtig aufs Pferd setzen.

1 Mittlerweile hat sich das verdoppelt - 2004
2 widerholt 1996, 1997 (3 versch. Handelskammern)
3 sowie von Sabine’s Eltern in Kitchener, Ontario
4 July 1986
5 auf mittlerweile 2000 qm. und 38 Mitarbeiter
6 Caparison wurde 1998 wieder geschlossen um sich auf den Sattelbau konzentrieren zu koennen
7 Hoechstpreis ist USD 9,995.00
8 Schleese arbeitet mit einigen Topreitern zusammen im Satteldesign, u.a. Jane Savoie, Gunnar Ostergaard, Tom Dvorak, Roger Seegert
9 mittlerweile ist das US Geschaeft in Las Vegas Nevada etabliert, und es sind 6 weitere Sattlergesellen trainiert worden
10 Schleese arbeitet weiterhin nur mit dem Endvebraucher und konzentriert sich auf Sattelanpassung fuer Pferd und Reiter. Das differenziert sie von allen anderen Gross-produzenten.
11 Herr Krueger hat sich 1997 selbststaendig gemacht als “Lederdesigner” und Herr Lote hat sich als Sattelproduzent im westen Kanada’s etabliert.
12 Deutsche Sattlermeisterin Sonja Mueller leitet nun die Produktion bei Schleese.